Geschichten


Kingshaven-Trilogie


1. Der Milchmann


1965-11-06
6:00 AM

Langsam bog der schneeweiße Lieferwagen, auf dessen Seiten mit blutroter Farbe „Barnes Molkerei: Die Beste in Maine!“ geschrieben stand, von der Mainstreet in die Cover-Avenue ein, drosselte allmählich die Geschwindigkeit und hielt schließlich am Straßenrand.
Gemächlich lehnte sich ein hagerer Mann aus dem halb herab gekurbelten Fenster und blickte die mit loderndem Herbstlaub bedeckte Straße empor. Er seufzte, rückte die gleichfalls schneeweiße Schirmmütze zurecht, auf der nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, dass die Barnes-Molkerei wirklich die Beste war, und seufzte abermals.
Noch einmal schweifte sein Blick umher, glitt über farbenprächtige Rasenflächen hinweg, die nun im Herbst ihre sommerliche Scharfkantigkeit ganz und gar verloren hatten und verharrte einen kurzen Augenblick auf dem imposanten weißen Bauwerk, welches einem zu breit geratenem Wachturm gleich auf einer Anhöhe im Osten der Stadt über alle anderen Häuser hinausragte. Mit einem leichten Schaudern wandte er sich ab.
Es war kühl an diesem Morgen, der den nahenden Winter erahnen ließ. Der Wind, der durch die nahezu kahlen Baumwipfel strich und unbarmherzig auch die letzten verbliebenen Blätter zu Fall brachte, verteilte das Laub mit spielerischer Leichtigkeit raschelnd über die Grundstücke des Viertels. Er war nicht nur frisch, sondern zugleich auch unangenehm.
Bald fällt der erste Schnee, dachte der Mann, doch der Gedanke war es nicht, der ihn frösteln ließ.
Dafür sorgte das alte King-Haus, wie das weiße Bauwerk im Osten allgemein von den Bewohnern von Kingshaven genannt wurde, welches trotz der ersten gleißenden Sonnenstrahlen, die durch unzählige verglaste Giebel und Erker des Hauses ihren Weg zur Erde fanden, um das dortige Blättermeer erneut zum erflammen zu bringen, in seiner ganzen Ausstrahlung finster und bedrohlich wirkte. Fast schien es, als hätte jedes bisheriges und zukünftiges Unheil, jede begangene oder geplante Missetat in Kingshaven genau dort und nirgendwo anders seinen Ursprung.
Kingshaven, das ich nicht lache, der Mann spuckte verächtlich aus, Kingshell trifft es wohl eher!
Jeden weiteren unnützen Gedanken an das alte Haus verdrängend, in dem die noch ältere Mrs. King – der Teufel sollte sie holen! - lebte, warf der Fahrer einen flüchtigen Blick auf das vergoldete Zifferblatt seiner Uhr, das von dem kalten Dunst beschlagen war, der gleich Nebelschlieren aus dem Kühlraum hinter ihm seinen Weg in die Fahrerkabine gefunden hatte.
Die Uhr war keine dieser billigen Imitate, die man schon für wenige Dollar an fast jeder Straßenecke kaufen konnte. Nein, diese Uhr war teure Qualitätsarbeit. Zudem war sie für ihn noch weit mehr als nur ein Chronometer. Sie war ein Statussymbol. Soweit er sich erinnern konnte, gab es in ganz Kingshaven bislang lediglich fünf hochgestellte Persönlichkeiten, die sich wahrlich rühmen konnten, im Besitz einer Sechshundert-Dollar-Uhr zu sein. Er war nun Nummer sechs.
Im Gegensatz zu den anderen fünf hatte er sich sein Exemplar erst hart erarbeiten müssen. Ihm war nichts in den Schoß gefallen, wie den anderen, die nicht von ihrer Hände Arbeit lebten, sondern schon zu Lebzeiten das Erbe ihrer Väter verprassten. Er hatte im Schweiße seines Angesichts jeden einzelnen Dollar redlich verdient und mit etwas Glück und noch mehr Fleiß hätte er sicherlich seiner Frau im nächsten Jahr ein exquisites Schmuckstück schenken oder mit ihr endlich die lang versprochenen zweiten Flitterwochen verbringen können. Diesmal jedoch nicht in Bangor, sondern auf den Bahamas oder noch besser: gleich in Europa! Rom, Paris und London, das hätte ihr sicherlich gefallen, wenn, ja, wenn nicht Bob all seine Pläne mit nur einem Schlag vollkommen zunichte gemacht hätte.
Harold Barnes fluchte so laut und derbe, das seine Mutter – Gott sei ihrer Seele gnädig - ihm ohne zu Zögern den Mund mit Kernseife ausgewaschen hätte.
Er hatte Robert Goldberg vor fast genau sieben Jahren zu seinem Partner gemacht, damals 1958, als er die herabgewirtschaftete Molkerei von seinem dem Suff erlegenen Onkel Todd geerbt hatte. Zusammen hatten sie all ihr Erspartes, jeden einzelnen Cent, den sie irgendwie auftreiben konnten, in die Firma investiert und sie schließlich zu dem gemacht, was sie bis vor kurzem auch noch gewesen war: ein florierendes, schuldenfreies Unternehmen mit über dreihundert Angestellten und mehr als Achttausend zufriedenen Kunden. Jeden Tag.
In gar nicht allzuferner Zukunft hätten sie zu den zwei dutzend Lieferwagen, die sie bereits besaßen, noch ein gutes halbes Dutzend hinzukaufen können. Mit ein wenig Fingerspitzengefühl und einem Kredit der First Bank of Bangor wären sie sogar in der Lage gewesen, in dem zwanzig Meilen entfernten Randolph eine Zweigstelle zu eröffnen. Wenn man dort erst einen Fuß in der Tür hatte, dann...
Diese Pläne lagen nun jedoch schon eine kleine Ewigkeit zurück, wie es ihm schien, und bei dem momentanen Stand der Dinge kamen sie Harold vor wie die Phantastereien eines Wahnsinnigen. In lediglich knapp einer Woche war nahezu alles zerstört worden was ihm mal etwas bedeutet hatte: seine Firma, seine Gesundheit und sein untadeliger Ruf. Von seiner Ehe ganz zu schweigen.
An Halloween hatte es noch so ausgesehen, als läge eine glänzende und vor allem gesicherte Zukunft vor ihm, doch nun standen er und sein Unternehmen nicht nur vor dem Bankrott, sondern auch vor dem Nichts, mit dem er und Bob vor sieben Jahren begonnen hatten.
Mit einem bitteren Lachen griff Harold Barnes in die aufgenähte Brusttasche seines weißen Overalls und nahm daraus den dort deponierten Schokoriegel heraus. Mechanisch, ohne wahrzunehmen, was er da tat, riss er die knisternde Cellophanhülle säuberlich bis zum senkrechten Balken des Buchstaben „a“ in dem Wort Mars herab und versenkte seine Zähne in die dünne Schokoglasur, die dem Druck kurz darauf leise knackend nachgab.
Der für den Riegel typische Candygeruch stieg angenehm in seine Nase, während er den ersten Bissen mit der Gewissenhaftigkeit eines Mannes kaute, der Essen lediglich als ein notwendiges Übel ansah, das dazu diente, den Körper mit den wichtigen Nährstoffen, Fetten und Kohlehydraten zu versorgen, die er brauchte. Und in diesem speziellen Fall mit genügend Zucker für seine angespannten Nerven.
Danach griff er hinter seinen Sitz und nahm aus dem dort bereitstehenden Träger, der sechs Einheiten Platz bot, eine Flasche Milch. Bedächtig, fast zärtlich, strich er das Kondenswasser vom Flaschenrand und dem Verschluss aus Silberfolie, bei der ein leichtes einritzen mit dem kleinen Fingernagel ausreichte, um die Flasche zu öffnen. Vorsichtig entfernte er den Verschluss vom Flaschenhals, wobei er pedantisch darauf achtete, dass kein noch so kleines Stück der Folie in die Milch gelang. Dann trank er einen tiefen Schluck, rülpste leise und wischte sich den Milchbart vom glattrasierten Gesicht.
Es war erst kurz nach sechs, wie Harold nach einem weiteren Blick auf seine Uhr feststellte. Es blieb ihm noch etwas Zeit, bevor er die Morgenlieferung beginnen musste.
Eigentlich würde ich um diese Zeit noch träge im Bett liegen, dachte Harold und gähnte prompt herzhaft. Zudem war es nicht seine Tour, die er heute Morgen fuhr, sondern die seines Partners Bob, der jetzt in einer gut gepolsterten Zelle saß und mit Wachsmalstiften an seine Anwälte schrieb. Harold konnte es noch immer nicht fassen, was Bob getan hatte. In seinen Augen war Bob stets ein verlässlicher Mitarbeiter und Partner gewesen, der sich ab und an mit den Angestellten gegen ihn verschworen hatte, um ihn mit schelmischen, aber stets harmlosen Streichen zu necken. Keineswegs als die Bestie, die unter Zuhilfenahme von Milch, Kakao und anderen Produkten ihrer Firma fast ein ganzes Viertel von Kingshaven ausgelöscht hatte, Bobs eigene Verwandtschaft inbegriffen.
Harold Barnes hob die Milchflasche ein zweites Mal an den Mund und stockte. Was war, wenn Bob auch diese Flasche vergiftet hatte? Wenn auch sie zu den Produkten zählte, in die er mit einer Spritze eine garantiert tödliche Dosis Rattengift, Belladonna oder Arsen … sein Blick verharrte auf der Flasche mit der weißen unschuldig wirkenden Milch darin. Ein feiner Schweißfilm erschien auf seiner Stirn, während er hastig im Kopf überschlug, wie viele Minuten er vom nächsten Notarzt entfernt war und wie viel Gift in einem halben Liter enthalten sein konnte. Er schloss die Augen.
In seiner Phantasie sah er seinen Partner, wie dieser bei den Milchflaschen niederkniete und eine Spritze aus der Tasche zog. Die Nadel glänzte im hellen Licht des Kühlhauses, nachdem er die Schutzhülle aus Plastik abgezogen hatte. Der Kolben der Spritze war nahezu vollständig mit einer klaren Substanz gefüllt. Der flüssige Tod.
Ganz klar konnte er den Wahnsinn auf Bobs faltigem Gesicht sehen. Seine ruhelosen Augen, die zwischen den Flaschen und der Eingangstür des Kühlraumes hin- und herhuschten, wirkten blöde und ohne einen Funken von Verstand. Zweifellos das Ergebnis des bis dahin unentdeckten Tumors, der in Bobs Gehirn wütete und bereits unzählige Metastasen im ganzen Körper gestreut hatte.
Bobs Overall, weiß mit blutroter Schrift, war bereits unter den Achseln und auf der Brust trotz der niedrigen Temperaturen im Raum durchgeschwitzt. Ein süßlich-herber Geruch erfüllte den Raum, an dessen Wänden sich das Eis staute.
Sein Gesicht glänzte wie im Fieberwahn. Sein graues strähniges Haar klatschte nass an seinem kantigen Schädel. Seine Hand, groß und schwielig, zitterte jedoch nicht, als er eine zweite Spritze aus einer kleinen Flasche zog, auf der das bekannte Totenkopfemblem prangte. Dann stieß er sie mit einer raschen Bewegung durch die Silberfolie am Flaschenrand der Milchflasche hindurch.
Harold konnte genau hören, wie die beim Abfüllen verbliebene Luft in der Flasche leise zischend entwich, als Bob die Spritze mit den Worten: „Die ist für Harold!“ wieder herauszog. Er wiederholte die Prozedur bei der nächsten, nannte einen anderen Namen, verfiel in immer hektischer anmutende Bewegungen, bis er schließlich wie ein Troll, ein unheimlicher Dämon aus den Tiefen der Hölle wirkte, der eifrig zwischen der Milch, den Joghurt- und Kefirbechern, süßer und saurer Sahne und der frischen Butter hin- und hersprang. Schließlich riss er sich die Kleider vom Leib und begann, mit Händen und Füßen, an deren Enden nun glänzende Spritzen prangten, auf weitere Produkte von ihrer gemeinsamen Molkerei einzustechen.
Nur der Zeigefinger seiner geballten Faust, den er sich zwischen die Zähne geschoben hatte, unterdrückte den Schrei, der aus seinem Innersten nach draußen drängte. Zu lebhaft war diese Vision gewesen, die ihn in ihren Bann gezogen hatte und nur langsam zu verblassen begann. Er schüttelte den Kopf. Alle Produkte ihres Unternehmens, die vor Bobs Wahnsinnstat produziert worden waren, hatte er vernichten lassen. Da war er sich ganz sicher.
Die Furcht jedoch, jemand aus seiner Firma oder von deren Verwandten könnte einige vergiftete Flaschen beiseite geschafft haben, um ihn bei passender Gelegenheit den ultimativen und letzten „Streich“ spielen zu können, saß tief. Er überschlug kurz die Zahl der Feinde, die er sich seit Halloween gemacht hatte. Erschüttert brach er kurz jenseits der vierzig ab ...
Fast jeder im Betrieb kannte seine Angewohnheit, den ersten Getränketräger aus dem Kühlraum hinter seinen Sitz im Lieferwagen zu deponieren, damit er ab und an eine Erfrischung zu sich nehmen konnte. Seine Vorliebe für Milch war ebenso bekannt. Deshalb war es für jemanden, der ihn hasste und ihm sogar den Tod wünschte nicht sonderlich schwer, die Flaschen auszutauschen. Vorausgesetzt, er gehörte zum Betrieb oder konnte sich anderweitig Zutritt dazu verschaffen.
Harold Barnes warf noch einen Blick auf seine Uhr.
Seit er seinen letzten Schluck Milch getrunken hatte, waren gut fünfzehn Minuten vergangen, ohne dass er irgendwelche Anzeichen einer Vergiftung feststellen konnte. Erleichtert startete er den Motor. Du bist spät dran, schalt er sich lächelnd und drehte das Radio auf.
Elvis schmalzige Stimme sang „Puppet on a String. Vergnügt begann er, die Melodie mitzupfeifen. Vorsichtig fuhr in Richtung Abraham-Lincoln-Avenue. Den Zeitungsjungen, der mit seinem Rad von rechts in die Cover-Avenue einbog, sah er schon nicht mehr. Ebenso wie er nur einige Meilen später das Warnschild übersah, das auf einen schweren Unfall hinwies, was ihn noch an diesem Tag das Leben kosten sollte.
Langsam entschwand der schneeweiße Lieferwagen mit der blutroten Aufschrift aus dem Blickfeld des Zeitungsjungen, der sein Fahrrad am Straßenrand abgestellt hatte, um die aufgerollten Zeitungen in seiner Satteltasche noch einmal zu sortieren...

(Dan)

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Witchers News, Jg. 4, Nr. 25 vom 03.10.2012, S. 42-45


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